Sorgenkind Ostsee – Wie es um das Binnenmeer derzeit steht

Die Ostsee – ein gigantisches Ökosystem. Mit fast 420.000 Quadratkilometern gilt sie als das größte Binnenmeer der Welt. Doch Erderwärmung, Schifffahrt, Landwirtschaft, Munition aus den Weltkriegen und Plastik setzen der Tier- und Pflanzenwelt unter Wasser zu. Vor welchen Herausforderungen steht die Ostsee?

Gefahr auf dem Grund Munition in der Ostsee

Mehr als 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen nach Schätzungen des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums in deutschen Meeresgebieten. Minen, Bomben, Torpedos, Granaten. Gefüllt mit Sprengstoff, Brandbeschleunigern oder Treibladungen. Es sind Erbstücke zweier Weltkriege, die lange vergessen waren.

Mit rund 1,3 Millionen Tonnen lagert der größte Teil an Munition in der Nordsee, doch auch auf dem Grund der Ostsee rosten bis heute rund 300.000 Tonnen Kriegsaltlasten vor sich hin. Hinzu kommen chemische Kampfstoffe, die in Deutschland hergestellt wurden, aber nicht flächendeckend eingesetzt wurden. Nach dem Krieg musste all das verschwinden – und zwar möglichst schnell. Deshalb lassen sich die genannten Angaben heute auch nicht mehr genau nachvollziehen.

Die Daten sind, wenn darüber überhaupt Buch geführt wurde, vor allem für den Ostseebereich lückenhaft. Akten lagern zu verstreut in unterschiedlichen Archiven oder in Privathand. Außerdem gehen Experten davon aus, dass vor allem in der ehemaligen DDR Unterlagen vernichtet wurden.

Es kann jeden betreffen

Immer wieder melden Spaziergänger kleinere Munitionsfunde an den Stränden. Meist handelt es sich um Schießwolle oder kleine Treibladungen, doch nicht zu unterschätzen ist die Gefahr von Phosphorbrocken, wenn Sammler sie mit Bernsteinen verwechseln. Auch Fischern gehen mitunter gefährliche Gegenstände ins Netz. So hob am Anfang dieses Jahres eine Heikendorfer Kutterbesatzung eine – wie sich später herausstellte leere – Seemine. 

Wichtige Hinweise zu Kampfmitteln in tieferen Gewässern kommen von Sport- und Arbeitstauchern. Munition wird aber auch bei Sondierungsarbeiten für Offshore-Bauprojekte oder Kabeltrassen entdeckt. „In den Sommermonaten sind wir eigentlich täglich unterwegs”, sagt Hans-Jörg Kinsky vom Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein. Sobald eine Fundmeldung aufläuft, müssen er und seine Kollegen zügig handeln. Rund um die Uhr steht ein Tauchtrupp auf Abruf bereit.

Die meisten Funde können entschärft und an Land unschädlich gemacht werden. Ist dies nicht möglich, muss kontrolliert gesprengt werden. Entlang der Ostseeküste locken solche Sprengungen zahlreiche Schaulustige an – wie zuletzt in Kiel. Hier wurde vor dem Falckensteiner Strand eine Bombe im Fahrwasser der Kieler Förde beseitigt. Strandabschnitte und Teile der Fahrrinne mussten dafür weiträumig gesperrt werden.

Explosive Fracht auf dem Meeresgrund

Warum fanden diese gewaltigen Munitionsmengen überhaupt ihren Weg auf den Meeresgrund? „Man muss zwischen den Hinterlassenschaften der Kriege selbst und der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Aliierten absichtlich verklappten Munition unterscheiden”, weiß Dr. Jann Markus Witt, Historiker des Deutschen Marinebundes. Um den Gegnern den Seeweg abzuschneiden, blockierten die Streitkräfte strategisch wichtige Stellen durch Minenfelder oder bombardierten sie aus der Luft.

„In den ersten Jahren nach dem Krieg haben Räumkommandos einen Großteil der nicht detonierten Grundminen wieder geborgen. Aber einige sind abgesunken oder wurden schlichtweg übersehen”, so Witt. Wie genau der Beitrag der direkten Kriegsüberreste gewichtet ist, ist für Experten schwer zu schätzen. Klar ist aber: Der überwiegende Anteil landete erst nach dem Krieg in der Ostsee, zum Beispiel im offiziellen Munitionsversenkungsgebiet Kolberger Heide vor der Probstei.

Um die Deutschen so schnell wie möglich zu entwaffnen, ordneten die Siegermächte an, tonnenweise übriggebliebene Munition im Meer zu entsorgen. Sie beluden Handelsschiffe und Fischkutter, die auf die Ostsee hinaus fuhren und ihre explosive Fracht über Bord warfen. „Im Nachkriegsdeutschland gab es keine Kapazitäten für eine bessere Beseitigung. Es ging nur darum, das Zeug loszuwerden. Über die Zukunft hat sich da keiner Gedanken gemacht”, erklärt der Historiker aus Laboe.

Neben der Kolberger Heide sind in der Lübecker Bucht, vor Fehmarn sowie am Eingang der Flensburger Förde offizielle Versenkungsgebiete in der Ostsee in Seekarten vermerkt. Auch heute findet man in vielen Karten noch die Bezeichnung „Unrein (Munition)”. Die Areale sind für die Schifffahrt gesperrt und das Ankern ist verboten. Doch auch hier sind die Daten unvollständig.

Experten vermuten, dass sich damals nicht alle Schiffer an die Vorgaben für geeignete Abwurfstellen hielten. Um Zeit zu sparen, verklappten sie ihre explosive Ladung stattdessen an anderer Stelle. Auch ehemalige Übungsgebiete der Marine – wie das Sperrgebiet Schönhagen vor der Eckernförder Bucht – gelten als munitionsbelastet. Hier plant die Marine aktuell auch Ansprengversuche, gegen die sich Naturschützer wegen des entstehenden Unterwasserlärms wehren. (Mehr dazu im nächsten Kapitel „Stress statt Stille”)

Die Bergung ist knifflig

Die mangelnde Dokumentation macht eine aktive Suche nach Munitionsresten außerhalb der Sperrzonen faktisch unmöglich. Außerdem erschwert ein weiteres Problem die systematische Bergung: Mehr als 70 Jahre im salzigen Meerwasser setzen Zündern und Metallgehäusen zu. Die fortschreitende Korrosion macht die Sprengkörper zu tickenden Zeitbomben. „Transportsicherheit steht an erster Stelle”, sagt Entschärfer Hans-Jörg Kinsky. „Nur wenn die Zündkette vollständig unterbrochen ist, können wir die Munitionsteile aus dem Wasser holen.”

Auf dem Gelände des Kampfmittelräumdienstes in Groß Nordsee im Kreis Rendsburg-Eckernförde werden die Munitionsfunde zerlegt, bevor ein Fachbetrieb in Munster sie endgültig vernichtet. Können die Experten den Zünder nicht ohne Weiteres entschärfen, müssen sie das Objekt sprengen. Um die Unterwasserwelt vor den Folgen der Explosion zu schützen, setzen sie inzwischen moderne Blasenschleier ein, die die Schallwellen abschwächen.

„Aber wenn Gefahr im Verzug ist geht das natürlich nicht. Dann setzen wir zumindest Vergrämer ein”, erklärt Kinsky. Dabei handelt es sich um Geräte, die Störfrequenzen aussenden und Fische und Meeressäuger vorübergehend von der Sprengstelle fern halten. So kamen auch bei dem Einsatz im Fahrwasser der Förde im Sommer Vergrämer zum Einsatz.

Stress statt Stille Das Problem Unterwasserschall

Schlafen, während aus der Diskothek im Keller bis in den frühen Morgen die Bässe wummern. Arbeiten, während nebenan mit dem Presslufthammer Beton bearbeitet wird. Ein Abendessen zu zweit genießen, während neben einem große Lkw vorbeirauschen. Klingt nicht besonders angenehm? Ist es vermutlich auch nicht.

Ostseebewohner wie der Schweinswal sind dem Lärm jedoch schutzlos ausgeliefert. Denn unter der Wasseroberfläche ist es ganz und gar nicht so still, wie man vermuten könnte. Sturm, Regen und Strömungen – alles natürliche Geräuschquellen unter Wasser. Diese werden jedoch zunehmend übertönt von Lärmquellen wie Schiffsmotoren, Unterwasserbaustellen, Sonaren oder Geräten für die Suche nach Öl und Gas auf dem Meeresgrund.

Der Lärm stört die Meeresbewohner

In den vergangenen 35 Jahren hat sich der Geräuschpegel unter Wasser mit jedem Jahrzehnt verdoppelt, schätzt das Bundesamt für Naturschutz. Dies hat Folgen für die Tierwelt unter Wasser: Besonders die einzige in der Ostsee heimische Walart, der Schweinswal, wird durch Unterwasserlärm massiv gestört. Denn Schweinswale nutzen ihr Gehör, um sich im Wasser zu orientieren und ihre Nahrung aufzuspüren. Außerdem kommunizieren sie miteinander über Schallwellen – das ist besonders wichtig für die Partnersuche und die Aufzucht ihrer Jungen. Auch die meisten Fische verständigen sich mithilfe von Schall. So „pupsen” zum Beispiel Heringe bestimmte Töne, um mit ihrem Schwarm zu interagieren.

Die Geräuschkulisse setzt dem Tierbestand zu: Akut vom Aussterben bedroht ist der Ostseeschweinswal, der in den zentralen Ostseegebieten östlich von Rügen lebt. Neben ungewolltem Beifang ist Unterwasserlärm eine Ursache dafür. Die Zahl der Tiere sinkt kontinuierlich. Der Meeresbiologe Prof. Dr. Boris Culik aus Heikendorf schätzt sie auf etwas mehr als 300.

Die zweite Population lebt in der westlichen Ostsee zwischen Dänemark und der mecklenburg-vorpommerschen Küste. Der Bestand von etwa 18.000 bis 20.000 Tieren gilt laut Culik als stabil. Dennoch kommen auch hier immer wieder Tiere durch Unterwasserschall zu Schaden, wie Untersuchungen des Gehörs gestrandeter Tiere belegen. An der Küste Schleswig-Holsteins wollen das längst nicht mehr alle so hinnehmen. Für Streit sorgten zuletzt die angekündigten Sprengversuche der Marine im Sperrgebiet zwischen Damp und Port Olpenitz. 

Naturschützer befürchteten, dass bei den absichtlich herbeigeführten Sprengungen die Unterwasserwelt Schaden nehmen könnte. Auch Schweinswale könnten dann betroffen sein. Einige Kommunen positionierten sich ebenfalls klar gegen die Versuche. Die Sprengungen wurden vorerst verschoben, bis weitere Gutachten vorliegen.

Exkurs: Ein Besuch im Ostsee Info-Center Eckernförde

Wie sich Geräusche unter Wasser anhören, zeigt das Ostsee Info-Center. Hier können die Besucher abtauchen und direkt in die Ostsee lauschen.

Nicht jedes Unterwassergeräusch ist schädlich

Wann ein Geräusch unter Wasser zu Lärm wird, entscheiden die Art und der Frequenzbereich des Schalls. Befinden sich Schweinswale zu nah an einer kritischen Lärmquelle, kann ihr Gehör Schaden nehmen. „Das ist vergleichbar mit einem zu lauten Discobesuch beim Menschen”, sagt Meeresbiologe Culik. „Temporäre Hörschwellenverschiebung” bezeichnen Fachkreise dieses Phänomen. Einfach gesagt bedeutet das: Der Wal wird schwerhörig. Nach ein, zwei Tagen kommt das Hörvermögen vollständig zurück. Doch besonders schwere Schallereignisse können auch für bleibende Hörschäden sorgen. Fische und Wale können sich schließlich nicht einfach die Ohren zuhalten.

Die Tiere reagieren unterschiedlich auf den Unterwasserlärm. Viele Wale verlassen ihre Reviere, bei plötzlich auftretendem Schall manchmal sogar fluchtartig. „Erstmal merkt man gar nichts. Aber auf Dauer sind hörgeschädigte Schweinswale weniger erfolgreich bei der Nahrungssuche. Einige verhungern deshalb sogar”, sagt Culik. Auch der Kontakt zwischen Mutter und Jungtier kann auf diese Weise abreißen. Ohne funktionierende Echoortung finden sie sich nicht wieder.

Wie nutzt der Schweinswal sein Gehör? Wale senden sogenannte Klickgeräusche aus, also kurze Schallimpulse im für den Menschen nicht hörbaren Ultraschallbereich. Über ihre Unterkieferknochen werden von Hindernissen oder Beutetieren reflektierte Echowellen dann an ihr sehr empfindliches Gehör weitergeleitet. Im Gehirn des Wals entsteht auf diese Weise eine Art akustische Landkarte, mit deren Hilfe er durch das Meer navigiert.

Besonders problematisch ist impulshafter, tieffrequenter Schall, wie er zum Beispiel entsteht, wenn Baufirmen die Fundamente für Offshore-Windkraftanlagen in den Meeresboden rammen. Dieser breitet sich im Wasser besonders weit aus. Denn Schallwellen bewegen sich unter Wasser 4,5-mal schneller fort als an der Luft. Sie sind also auch viele Kilometer von ihrem Ursprung entfernt noch messbar. Forscher haben nachgewiesen, dass auch Fischschwärme in diesen Bereichen seltener anzutreffen sind.

In der Schifffahrt sind es hauptsächlich große Frachter und Sportboote mit besonders leistungsstarken Motoren, die schadhafte Frequenzen im Wasser aussenden. Es geht aber auch anders: Die Marine und große Kreuzfahrtschiffe investieren in leise Antriebe. Die einen, um im Wasser von Gegnern nicht gehört zu werden. Die anderen, damit ihre Gäste durch den Lärm im Schiffsinneren nicht gestört werden.

Vergrößern

Grafik_Lärmvergleich
Schweinswale hören anders als der Mensch. Wie laut ein Unterwassergeräusch im Vergleich zu einem Landgeräusch ist, sehen Sie in dieser Abbildung.

Gesetze sollen den Schweinswal schützen

Seit dem Jahr 2013 gilt für die Nordsee ein Konzept zum Schutz der Schweinswale beim Bau von Offshore-Windparks. Nach den vom Bundesumweltministerium erarbeiteten Leitlinien darf in einer Entfernung von 750 Metern der Schallereignispegel nicht über 160 Dezibel liegen. Sonst müssen Schutzmaßnahmen wie ein Blasenschleier eingesetzt werden. Da die Werte unter Wasser auf der Dezibelskala aufgrund der physikalischen Unterschiede von Luft und Wasser nicht exakt auf den Wert an der Luft bezogen werden können, müssen 68 Dezibel abgezogen werden, um sie vergleichen zu können. Damit entspricht der Grenzwert etwa der Lautstärke eines vorbeifahrenden Müllautos oder einem lauten Türknallen für uns Menschen. Kurzzeitige Ereignisse dürfen einen Wert von 190 Dezibel nicht überschreiten.

Eine vergleichbares Konzept für die Ostsee kündigte die damalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks 2015 an. Es existiert bis heute nicht. Laut Bundesumweltministerium gelten die genannten Grenzwerte ebenso für die Ostsee, auch wenn das gesamte Konzept sich nicht einfach von der Nordsee übertragen lässt. Die wissenschaftlichen Vorarbeiten für ein gesondertes Konzept seien abgeschlossen, die weiteren Schritte würden aber noch geprüft. 

Das Umweltministerium Schleswig-Holstein unterstützt die Bemühungen um ein Schallschutzkonzept für die Ostsee, die auch ein Teil der Umsetzung der Maßnahmenprogramme für die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie bis 2021 sind. Von der Erarbeitung gesetzlicher Vorgaben und Grenzwerte bekommen weder der Schweinswal noch die anderen Meeresbewohner etwas mit. Sie sind allein auf eine schnelle Umsetzung von Schutzmaßnahmen angewiesen, damit sie sich innerhalb ihres Lebensraums ungestört zurückziehen können. Dafür braucht es aber auch ein stärkeres Bewusstsein für das Problem Unterwasserschall in der Bevölkerung.

Der Patient Ostsee Ein Binnenmeer trotzt dem Klimawandel

Um den ökologischen Zustand eines Meeres zu beurteilen, müssen Forscher viele Faktoren berücksichtigen. Grundlegende Daten wie Wassertemperatur, Salzgehalt und Sauerstoffkonzentrationen geben einen guten Einblick. Einmal pro Monat legt das Forschungsschiff „Littorina” an der Kielline ab, um die Koordinaten 54°31.2’ Nord, 10°02,5’ Ost anzufahren. Hier am Eingang der Eckernförder Bucht betreibt das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung die Zeitserienstation Boknis Eck. Der Meereschemiker Prof. Dr. Hermann Bange koordiniert das Projekt.

In Boknis Eck werden seit 1957 monatlich aus sechs verschiedenen Wassertiefen Proben genommen. Diese werden anschließend auf Sauerstoff, gelöste Gase oder Nährstoffe untersucht. Außerdem sendet seit 2016 eine feste Messstation Daten aus 28 Metern Tiefe vom Meeresgrund direkt auf Banges Computer – in Echtzeit. An den Langzeitdaten können die Forscher Trends ablesen. Eine der offensichtlichsten Entwicklungen: Die Ostsee erwärmt sich. Der Grund dafür: Milde Winter, wärmere Sommer. Nachts wird es einfach nicht mehr so kalt wie früher.

Bange schätzt die Erwärmung auf 0,1 bis 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Im ersten Moment klingt das wenig, für ein Meer mit den Ausmaßen der Ostsee ist es jedoch viel. „Sie ist auf bestimmte Temperaturen angepasst”, sagt der Meereschemiker. „Verändern die sich, ändert sich auch etwas im Ökosystem”. In der Folge verschiebt sich die Artenvielfalt.

Bei wärmeren Temperaturen können sich  Planktonarten und Algen  besser vermehren – sie treten dadurch in Konkurrenz mit den Arten, die bei kälteren Temperaturen optimal wachsen. Auch fremde Arten können sich ansiedeln. So beobachten Meeresbiologen in Nord- und Ostsee ein vermehrtes Vorkommen der Meerwalnuss, einer kleinen Rippenqualle, die ursprünglich an der Atlantikküste vor Nordamerika zu Hause war.

Veränderung in der Ostsee spüren die Menschen im Ostseeraum auch auf andere Weise.

„Die Erwärmung merkt man daran, dass wir kaum noch Eis in der Ostsee haben. Vor allem in den südwestlichen Teilen”, erklärt Bange. Damit Ostseewasser gefriert, muss die Temperatur deutlich unter 0 Grad sinken. Eiswinter traten an der deutschen Ostseeküste früher alle paar Jahre auf – doch zuletzt war die Kieler Förde im Winter 1995/1996 richtig zugefroren. Damals konnten die Kieler Spaziergänge weit auf die Förde hinaus unternehmen. Inzwischen treibt immer seltener  Eis in der Förde.

Auch der Sauerstoff wird weniger

Noch eine weitere Entwicklung beobachtet Hermann Bange in Boknis Eck: Der Sauerstoffgehalt im Tiefenwasser sinkt. Und das, obwohl die Nährstoffeinträge in die Ostsee, vorwiegend Düngerreste aus der Landwirtschaft, seit Mitte der 1980er Jahre erheblich zurückgehen. „Das ist auf den ersten Blick erstaunlich”, sagt Bange.

Ein Überschuss an Phosphaten und Nitraten, den häufigsten Düngerbestandteilen, begünstigt das übermäßige Wachstum von kleinen Algen. Dabei wird viel Sauerstoff verbraucht. Gehen diese Nährstoffe jedoch zurück, müssten die Forscher eigentlich wieder höhere Sauerstoffkonzentrationen messen. Doch dem ist nicht so. Verantwortlich dafür: die Wassertemperatur.

Die Messdaten aus Boknis Eck sind kein Sonderfall. Sie passen zu den Langzeitbeobachtungen an anderen Stellen der Ostsee. Es passiert immer häufiger, dass in küstennahen Gewässern weniger oder gar kein Sauerstoff im Wasser enthalten ist. Das bedeutet: Die auf den Sauerstoff angewiesenen Meeresbewohner müssen in andere Gebiete ausweichen. Vor allem Pflanzen und wenig mobile Tiere wie Seesterne oder Muscheln sind dafür zu langsam. Schaffen sie es nicht, rechtzeitig aus dem sauerstoffarmen Bereich, ersticken sie.

Dass dem Tiefenwasser vorübergehend der Sauerstoff ausgeht, ist nicht vollkommen ungewöhnlich. Vor allem im Spätsommer sind niedrigere Konzentrationen normal. Vor 2001 trat die komplette Abwesenheit von Sauerstoff hingegen fast ausschließlich in der zentralen Ostsee auf, zum Beispiel vor den Inseln Bornholm und Gotland. Im Gegensatz zum verhältnismäßig flachen südwestlichen Teil hat sie hier eine Tiefe von mehreren Hundert Metern. Darum gibt es sogar Bereiche, in denen dauerhaft der Sauerstoff fehlt. Hier können nur speziell auf diese Bedingungen angepasste Organismen wie Bakterien überleben.

Die Wassertemperatur beeinflusst die Sauerstoffmenge

Diese sogenannten Sauerstoffminimumzonen entstehen durch eine thermische Schichtung des Meerwassers. Kaltes, salziges Wasser sinkt aufgrund seiner höheren Dichte auf den Grund, während wärmeres Wasser darüber strömt. Im Herbst und Winter sind die Schichten weniger stark ausgeprägt, weil Stürme das Wasser verwirbeln und das Wasser insgesamt kälter ist. Doch je wärmer das Oberflächenwasser ist, desto stärker ist der Effekt.

Zwischen den Wasserschichten besteht dann kein Austausch – aus der Luft gelöster Sauerstoff kommt weiter unten nicht mehr an. Ist der Sauerstoff dort verbraucht, können die tiefen Ostseebecken nur durch einströmendes Frischwasser aus der Nordsee belüftet werden. Als Binnenmeer hat die Ostsee jedoch nur über den Großen Belt eine Verbindung zur Nordsee und damit zum Atlantischen Ozean.

Für einen Salzwassereinbruch ist deshalb eine bestimmte Wetterlage notwendig: Durch einen stabilen Ostwind muss Wasser aus der Ostsee herausgedrückt werden. Anschließend muss der Wind drehen und von Westen her Nordseewasser durch den Großen Belt zurück in die Ostsee drücken. Bis das Nordseewasser die zentrale Ostsee erreicht, vergehen etwa zwei bis vier Monate. Am Grund der Ostsee arbeitet es sich langsam voran. Dabei muss es das schwellenreiche Bodenprofil überwinden.

Häufig bleiben die Frischwassermengen deshalb im Bornholmbecken vor der polnischen Ostseeküste stecken. Nur wenn das Becken vollständig geflutet ist, können die Wassermassen weiter Richtung Gotlandbecken fließen.

Auf den Schichtungseffekt führen die Forscher des GEOMAR auch die sinkenden Sauerstoffkonzentrationen in Boknis Eck zurück. Vor allem milde Frühjahre sorgen dafür, dass sich das Oberflächenwasser dort schon früher im Jahr erwärmt. Die Schichtung dauert damit aufs Jahr gesehen also länger an. In der Folge wird von den Lebewesen dort auch insgesamt mehr Sauerstoff im Tiefenwasser verbraucht, bevor im Herbst die Stürme wieder für eine Durchmischung sorgen.

Der Experte sieht die Ostsee trotz dieser Entwicklung auf einem guten Weg: „Insgesamt muss man sagen, es geht es der Ostsee heute besser als noch vor 50 Jahren”, fasst Prof. Hermann Bange zusammen. Vor allem die zurückgehenden Phosphat- und Nitrateinträge aus der Landwirtschaft seien wichtig, damit das empfindliche Ökosystem auch in Zukunft im Gleichgewicht bleibt.

Problematischer sind die Klimaveränderungen, die direkten Einfluss auf die Schichtung des Ostseewassers haben. Noch kann sich die Ostsee steigenden Luft- und Wassertemperaturen anpassen. Aber wie lange? Das kann niemand vorhersagen.

Mülldeponie Meer Das Ende der Wegwerfmentalität?

Gigantische Müllstrudel im Pazifik, Vögel, die sich in alten Fischernetzen verfangen haben: In den Weltmeeren haben sich mittlerweile weit über 100 Millionen Tonnen Müll angesammelt. Jährlich kommen schätzungsweise zehn Millionen Tonnen dazu, berichtet das Bundesumweltamt. Auch wenn das Problem längst globale Dimensionen erreicht, betrifft es ebenso die Meere vor unserer Haustür.

In den Mägen heimischer Meeressäuger und Fische finden Forscher regelmäßig Plastikteile, die die Tiere nicht verdauen können. Die Auswirkungen auf die Nahrungskette? Nach Angaben von Forschern bisher völlig unklar. Genaue Angaben über die Müllbelastung in der Ostsee sind schwer zu machen. Bei den Grundschleppnetzfängen für Studien des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) wird der „beigefangene” Müll untersucht und kategorisiert.

In den Jahren 2012 bis 2015 fand sich durchschnittlich weniger als ein Müllteil pro Netzwurf. Doch diese Studien räumen selbst ein, die tatsächliche Lage auf dem Ostseegrund zu unterschätzen. Es geht vorrangig um die Untersuchung der Fischbestände, deshalb werden nicht alle Teile der Ostsee untersucht. Vor allem flache Küstengewässer fehlen. Doch der meiste Müll gelangt vom Land aus ins Wasser. Die Schifffahrt macht, vor allem in der Ostsee, nur einen kleinen Teil aus. Es sind die Küstenbewohner und Touristen, die ihre Hinterlassenschaften achtlos am Strand liegen lassen. Essensverpackungen, Getränkedosen, Zigarettenstummel. Das Bundesumweltamt registrierte im Jahr 2017 durchschnittlich 70 Müllteile auf 100 Metern Küstenlinie für die deutschen Ostseestrände.

Das Problem heißt Plastik

Etwa drei Viertel des weltweiten Meeresmülls sind Kunststoffabfälle. In der Ostsee liegt der Plastikanteil nach verschiedenen Erhebungen etwas niedriger. Hier finden sich dafür mehr Metallschrott und Glasteile auf dem Meeresgrund. Den restlichen Anteil an marinen Abfällen stellen Materialien wie Pappe, Holz und andere Naturfasern. Diese verrotten zwar nicht sofort, werden aber nach und nach abgebaut, bis nach ein paar Wochen oder Monaten nichts mehr übrig ist. Zum Problem wird der Plastikmüll – denn Kunststoffe sind chemisch sehr stabil und lassen sich auf natürlichem Weg nur schwer bis gar nicht zersetzen.

Interaktiver Zeitstrahl: Abbau von Plastik

Selbst unter Umwelteinflüssen wie Sonnenstrahlen, Reibung und Salzwasser ist eine Plastiktüte erst nach 20 Jahren, eine Plastikflasche sogar erst nach 450 Jahren zersetzt. Dieser sogenannte Makromüll zerfällt nach und nach in immer kleinere Teile. Dabei setzt er auch Schadstoffe frei, außerdem bergen die Stückchen weitere Gefahren. Als Mikroplastik bezeichnen Forscher Teile, die kleiner als fünf Millimeter sind. Dazu gehören die Reste eines ehemaligen Makroplastikteils, aber auch Kunststoffteilchen, die bereits so klein hergestellt wurden – etwa für den Einsatz in Kosmetika und Reinigungsmitteln.

Lange Zeit wurde Mikroplastik unterschätzt

Mikroplastik im Meer wird erst seit wenigen Jahren ernsthaft erforscht. Weltweit gibt es hingegen kaum noch Gewässer, die nicht mit Mikroplastik belastet sind. Selbst an den abgelegensten Stellen wie dem „Point Nemo” im Südpazifik fanden Kieler Forscher Mikroplastik.

Welche Partikel überhaupt von Meereslebewesen aufgenommen werden, welche Auswirkungen sie auf Fische haben und ob sie diese auch wieder ausscheiden untersuchen Dr. Thomas Lang und seine Arbeitsgruppe im Thünen-Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven. Im Magen-Darm-Trakt verschiedener Fische aus Nord- und Ostsee, darunter auch Speisefische wie Hering, Makrele und Dorsch, fanden sie verschiedene Plastikpartikel. Von diesen Fischarten wird gewöhnlich nur das Filet gegessen, doch bei Kleinfischen wie Sprotten wird der Verdauungstrakt vor dem Verzehr oft nicht entfernt.

„Bei den in den Fischen gefundenen Plastikteilchen handelte es sich überwiegend um Mikroplastik”, erklärt Lang. Die Fische verwechseln es mit Nahrung, so der Experte. Bisher haben er und seine Kollegen kein Mikroplastik im Fleisch von Speisefischen gefunden. Lang kann das jedoch nicht ausschließen: „Je kleiner die Partikel sind, desto eher ist es möglich, dass sie über den Verdauungstrakt in den Organismus der Fische gelangen. Besonders die ganz winzigen Nanopartikel können wir nur schwer erfassen, weil unsere analytischen Methoden dafür nicht optimiert sind.”

Untersuchungen von Sediment- und Wasserproben mit anderen Methoden geben deutliche Hinweise, dass in den Fischen weitaus mehr Plastikpartikel vorhanden sein könnten. Die Forscher des Thünen-Instituts wollen deshalb als nächstes herausfinden, welche Plastikteilchen von den Fischen in Nord- und Ostsee besonders häufig aufgenommen werden.

Plastikmüll ist das Zeichen der Wegwerfgesellschaft

Das bereits im Meer vorhandene Mikroplastik und der Müll sind schwer zu bekämpfen. Um der Plastikflut ein Ende zu setzen, sind die Verbraucher gefragt.

Kleine Initiativen versuchen, den Menschen ihren Konsum zu verdeutlichen, zum Beispiel mit Ausstellungen oder Küstenputztagen. Auch das EU-Parlament sieht hier Handlungsbedarf und beschloss kürzlich ein Verbot für Einwegplastik

Nur wenn sich Verbraucher und Kosumenten der Problematik bewusst sind, wird sich in den Weltmeeren und in der Ostsee etwas ändern.

mit Fotos von Ulf Dahl, Frank Behling, dpa, H. Bange/GEOMAR, Uwe Paesler und T. Lang/Thünen-Institut

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