Kieler Woche – schön sauber?

Die Kieler Woche – größtes Segelsport-Event der Welt, dazu eines der größten Sommerfeste in Nordeuropa. Während dieser zehn Tage kommen mehr als drei Millionen Besucher nach Kiel. Ein großer Spaß, der einhergeht mit einer gewaltigen Menge Abfall. Wenn es nach dem Kieler-Woche-Büro geht, soll das umweltverträglicher vonstattengehen. Doch kann das bei einem so großen Fest gelingen? Eine Bestandsaufnahme zur Kieler Woche 2018 liefert neue Ansätze.

Neue Wege Philipp Dornberger will eine nachhaltigere KiWo

Berge an zusätzlichem Müll, jedes Jahr aufs Neue: Das bedeutet die Kieler Woche für die Stadt leider auch.

Seit geraumer Zeit will das Kieler-Woche-Büro die Müllberge nicht mehr einfach so hinnehmen und sucht zusammen mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel (ABK) und vielen weiteren Verantwortlichen an den einzelnen Standorten nach geeigneten Lösungsansätzen. Worum es dabei geht, erklärt Philipp Dornberger, Leiter des Kieler-Woche-Büros im Interview.

In welcher Hinsicht verändert sich die Kieler Woche?

Das Thema ‚Nachhaltigkeit‘ beschäftigt uns bei der Kieler Woche sehr – und wir wollen dies in den nächsten Jahren noch stärker in den Fokus nehmen. Zentrale Aspekte sind dabei die Vermeidung von Plastik und Müll sowie Mülltrennung. Beim Internationalen Markt, den das Kieler-Woche-Büro ausrichtet, wird komplett auf Plastiktüten verzichtet und es kommt ausschließliche Mehrweggeschirr zum Einsatz. Auch andere Kieler-Woche-Flächen gehen mit einem guten Beispiel voran, wie zum Beispiel der Muddi Markt. Dort werden ausschließlich Bio-/Fairtradeprodukte verkauft und es wird mit regionalen Initiativen, Lieferanten, Gastronomen sowie Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet. Er bezieht seit 2017 Ökostrom und beschäftigt sich auch im Tagesprogramm in Workshops und an Infoständen mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Die bestehenden Verträge mit unseren Partnerinnen und Partnern, die die einzelnen Flächen bespielen, fordern wir in den Bereichen ‚Mehrweg‘ und ‚Pfand‘ schon sehr viel. Auch bei den Flächenausschreibungen und Verträgen ist dies ein zentraler Bestandteil. Wir haben uns in diesem Jahr bei der Kieler Woche genau angeschaut, wie unsere Vorgaben umgesetzt werden und wo es noch sinnvolle Entwicklungspotentiale gibt. Nach unserer Auswertung werden wir die Erkenntnisse in die Weiterentwicklung der Kieler Woche 2019 mit einfließen lassen. Hier haben wir zum Beispiel festgestellt, dass es ein erhöhtes Aufkommen von weggeworfenen Zigarettenstummel gab oder auch vermehrt Müll von mitgebrachten Getränken.

Das Ziel für die nächsten Jahre?

Mein Plan ist es, mit den Erfahrungswerten der Kieler Woche 2018 gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern neue Wege zu finden, mit dem Thema ‚Nachhaltigkeit‘ umzugehen. Plastikvermeidung aber auch das Thema „Müll“ werden dabei in jedem Fall zentrale Aspekte sein. Zum Beispiel prüfen wir im Moment die Umsetzung eines einheitlichen und flächenübergreifenden Pfandsystems oder auch das Aufstellen von Aschenbechern im gesamten Veranstaltungsbereich.

 

 

Nicht nur eine Geschmacksfrage Veränderungen auf dem Internationalen Markt

 

Gerade bei den Getränke- und Essensständen der Kieler Woche stand Müll- und Plastikvermeidung im Fokus. Auf dem Internationalen Markt fing das Streben nach Nachhaltigkeit schon bei der Gestaltung der Buden an. Weg mit den Pagoden, lieber Holz statt Plastik, mehr Individualität und Liebe zum Detail. So lautete die Ansage an alle 32 Standbesitzer, die künftig aufgefordert sind, neue Konzepte für ein wertigeres Erscheinungsbild vorzulegen.

Richard Hennes (52) aus Aachen reichte seine Ideen dazu 2017 beim Kieler Woche-Büro ein: er baute Probemöbel gebaut, schickte Fotos davon – mit Erfolg: Sein belgischer Stand durfte in diesem Jahr vom Rand des Rathausplatzes in die Mitte umziehen.

Rund 50.000 Euro hat Hennes in das neue Erscheinungsbild des Standes investiert. Für ihn ein logischer Schritt:  „Wenn man im Geschäft bleiben will, muss man immer etwas Neues bringen. Über das ganze Jahr gesehen finanziert sich das zurück.“ Seine Ausgaben seien doppelt so hoch gewesen im Vergleich zu dem, was sonst nach dem Ende der Saison anfällt. Kein Pappenstiel, aber: „Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir alles selbst machen können. Alles, was Sie hier sehen, ist selbstgebaut.“

Den Aspekt Nachhaltigkeit sieht Hennes bei der Umgestaltung selbst eher als Nebenprodukt: „Wir wollen ja Geld verdienen. Je attraktiver so ein Markt ist, umso mehr Besucher haben wir.“ Dieser Effekt zeigte sich für ihn schnell, was allerdings nicht nur an der Aufmachung, sondern auch am besseren Standort liegen könnte. „Die Kunden haben das sehr gut angenommen, weil es gemütlich aussieht und Sitzplätze vorher Mangelware waren. Die Garnituren kommen so gut an, dass uns gleich am ersten Abend zwei davon geklaut wurden.“

Wirklich nachhaltiger werde der Internationale Markt aber erst, wenn irgendwann alle mitziehen, betont Hennes. Das Problem dabei sei für viele die Finanzierung: „Wer wirklich davon leben muss, für den ist das schon schwierig.“

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Marco Riccobono will an seinem Italien-Stand vorerst nichts ändern.

Ulf Dahl

So geht es zum Beispiel dem Betreiber des italienischen Standes. Marco Riccobono ist hauptberuflich Schausteller. Seit 1976 war er mit der ganzen Familie auf jeder Kieler Woche vertreten. Die Umgestaltungswünsche aus dem Kieler Woche-Büro sieht er kritisch. „Dass hier jetzt alles aus Holz sein soll, wie Weihnachtsmarkt-Buden, finde ich nicht gut.“

An seinem eigenen Stand hat Riccobono bisher nichts umgestaltet. Warum auch? Es sei ja immer was los, trotz Metallcontainern- und Treppen, Planen aus Plastik in der italienischen Tricolore. Um den Aufwand, den er damit hätte, gehe es ihm nicht, eher ums Prinzip.

Jedes Land soll sich so präsentieren können,
wie es ist. Marco Riccobono, Standbesitzer Italien

Von seinen leuchtenden Plastikplanen ist der 57-Jährige überzeugt, auch wenn sie den Veranstaltern ein Dorn im Auge sind. Ansonsten schließt er Veränderungen zwar nicht aus, aber „wenn ich umbaue, dann auch richtig. Nicht so peu à peu. Das kostet dann mal kräftig. Dann müssten sie mir aber auch einen Zehnjahresvetrag geben. Aber das gibt’s nicht mehr auf der Kieler Woche.“ Es dauere Jahre, bis man das investierte Geld wieder reinkriege, erklärt Marco Riccobono. Die Preise anzuheben sei da auch keine echte Option: „Es muss bezahlbar bleiben – wir sind hier auf der Kieler Woche.“

Nachhaltige Konzepte, die sich irgendwann auszahlen? Dieser Ansatz gefiel noch lange nicht jedem auf dem Internationalen Markt. Doch er sorgte für mehr Wettbewerb: Für die Einzelstandvergabe habe es 140 Bewerber gegeben, so Philipp Dornberger, Leiter des Kieler-Woche-Büros. Er möchte eine Weiterentwicklung in Gang zu bringen. Seine einfache, aber wirksame Grundidee: „Diejenigen, die sich anstrengen und engagieren, kommen in die Mitte.“

Kaum noch Diskussionen gab es über vermeidbaren Müll. Auf sämtlichen Flächen verzichteten die Betreiber der Essens -und Getränkestände offiziell auf Plastiktüten, gaben ihre Waren nur noch mit Mehrweggeschirr (gegen Pfand) oder auch in Schalen aus Esspapier heraus. Ein paar Wegwerfartikel bleiben aber: ökologisch abbaubare Servietten, Pergamentpapier, Zuckertüten, Rührstäbchen aus Holz und der ein oder andere Coffee-to-go-Becher.

Keine Strohhalme in Schilksee

Die Veranstalter vom „Point of Sailing“ in Schilksee haben dem Abfall zu Land und auf dem Wasser den Kampf angesagt. „No Straws – Keine Strohhalme“ war nur ein Beispiel, das hier umgesetzt wurde. Kay Höhne von der Kaffeerösterei Vicci versorgte die Segler sowie 350 Ehrenamtler mit Kaffee aus Bechern, die zu 100 Prozent kompostierbar sind. „Unsere Verpackungsmaterialien zersetzen sich innerhalb von 50 Tagen. Wir haben viel Mühe aufgewendet, um gerade für die Deckel etwas zu finden.“ Die Lösung? Mais.

Auch bei der Essensversorgung auf dem Wasser hat sich etwas getan: Lunchpakete steckten nicht mehr in Plastiktüten, sondern in Papier. „Einige haben ihr Essen sogar gleich in mitgebrachte Tupperdosen umgepackt“, weiß Lea Witt von „Point of Sailing“.

Die Mehrweg-Wasserflaschen, die in Schilksee am Stand der Mineralwassermarke Vio zurückgegeben werden konnten, sollten verhindern, dass später allzu viel im Wasser schwimmt. Und was dann noch an grobem und feinem Dreck im Hafen landete, filterte der „Seabin“, eine Neuanschaffung aus Australien, wieder heraus.

Wie das funktioniert? Eine Pumpe erzeugt ein Vakuum; das wiederum versetzt den Apparat in pulsierende Bewegungen: Wie eine Art Staubsauger nimmt der „Seabin“ das Oberflächenwasser auf und filtert mit einem Netz den Abfall heraus.

Dieses Netz wurde in der Kieler Woche zwei Mal am Tag geleert: Plastikteile- und Folien, Zigarettenkippen und ein paar Algen befanden sich darin.

Immer einen Schritt voraus Auf dem Muddi Markt geht es noch nachhaltiger

Müllvermeidung reichte auf dem Muddi Markt sogar bis zum Toilettengang: Recyclingpapier, Seife und Desinfektionsmittel aus dem Unverpackt-Laden und Stoffhandtücher – die Mitglieder des „muddivierten“ Vereins haben schon an viel gedacht, um die Kieler Woche zumindest an ihrem Standort umweltfreundlicher zu gestalten. Für Volker Harbeck, einen der Vorsitzenden des Muddi Markt e.V., eine Sache der Einstellung: Ein bisschen mehr gehe immer, nicht nur auf dem Muddi Markt.

Auf dem neuen Gelände vor der Förde Sparkasse am Lorentzendamm sorgte Selbstgebautes aus Paletten und Frachtkisten ebenso wie gebrauchtes oder ausrangiertes Mobiliar von einem Möbelspediteur für Gemütlichkeit. Die Muddi-Markt-Möbel fanden übrigens am letzten Sonntag der Kieler Woche bereits neue Besitzer.

Weg mit dem Dreck ABK und Remondis Nord entsorgen den KiWo-Müll

Müllentsorgung und -trennung lagen hauptsächlich in den Händen des Abfallwirtschaftsbetriebs (ABK). Der ABK stellte neben 1.1oo Mülltonnen – das waren 100 mehr als im Vorjahr – allen Standbetreibern von der Hörn über die City bis zum Ende der Kiellinie Behälter für die getrennte Glassammlung bereit. Diese Behälter nutzten teilweise auch die Besucher, um mitgebrachte Flaschen loszuwerden. Kartonagen und Papier sammelten die Mitarbeiter separat ein. Am Internationalen Markt hat der ABK eine betreute Sammelstation für Abfall eingerichtet: Dort wurde der Müll von den Ständen getrennt.

In Schilksee kümmerte sich Remondis Nord im Rahmen eines Sponsorings um die Reste vom Fest. Seit diesem Jahr stehen dort mehrere Mülltrenn-Stationen für die Besucher bereit – für Plastik, Papier, Essensreste und Servietten.

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Trennstation für vier verschiedene Arten von Müll in Schilksee

Isabelle Breitbach

 

„Man muss vor allem gucken, dass man genug Gefäße hat“, erklärt Niederlassungsleiter Stephan Portwich. Die Trennung sei zwar immer schwierig bei Großveranstaltungen, funktioniere aber gerade bei Papier und Verpackungsmaterialien für den gelben Sack gut, auch wenn der ein oder andere Sack am Ende doch in den (ungetrennten) Gewerbemüll wandern muss. „Man darf die Besucher auch nicht überfordern. Mit Fehlwürfen muss man immer rechnen“, sagt Portwich. Um die zu minimieren, setzte Remondis in Schilksee auch Mitarbeiter ein, die den Besuchern die richtige Trennung spielerisch vermittelten.

Einen Großteil der Abfälle, die während der Kieler Woche in die Förde gelangten, sammelte der ABK mit dem „Schiermoker“ ein. Das Abfallsammelboot war täglich von 14 bis 22 Uhr im Einsatz. In zehn Tagen sammelten die Mitarbeiter Abfälle im Umfang von etwas mehr als 13 handelsübliche Mülltonnen.

Das Besondere in diesem Jahr: Der „Schiermoker“ fuhr erstmals eine festgelegte Teilstrecke vom Camp 24/7 bis zur Hörnbrücke ab. Die Kanu-Vereinigung Kiel sammelte auf dieser Strecke mit und eine Gruppe vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung nahm jeden Tag einen Sack zur weiteren Analyse an sich. Die Ergebnisse der Untersuchung hat das Team um Dr. Catriona Clemmesen-Bockelmann jetzt bekanntgegeben:

  • Die eingesammelte Müllmenge stieg während der Kieler Woche um mehr als das Zwanzigfache.
  • Der Abfall stammte überwiegend nicht von den Kieler-Woche-Ständen und den dort angebotenen Waren.
  • Neben Plastik sind Zigarettenstummel in der Förde ein großes Problem.
  • Geomar-Forscher schlagen deshalb vor, ab 2019 Mülleimer für Zigaretten aufzustellen.

Ihr Fazit:

Die Mehrwegregelung während der Kieler Woche ist ein sehr guter Ansatz, um den Plastikmüll zu verringern Dr. Catriona Clemmesen-Bockelmann, Fischereibiologin am Geomar

Alle Details zu den Ergebnissen der Untersuchung finden Sie hier:

Dekoratives aus Resten Upcycling als Zeichen gegen den Konsum

Ob beim Basteln aus PET-Flaschen an der Spiellinie, in Workshops auf dem Muddi Markt oder bei nachhaltig produzierten Einzelstücken an den Kunsthandwerkständen im Schlossgarten: Um Nachhaltigkeit und Kritik an gedankenlosem Konsum ging es auch in diversen Upcycling-Projekten auf der Kieler Woche. Zwar wurden dort nicht direkt Abfälle vom Fest verarbeitet, doch Möbelstücke und Kunstwerke zeugten davon, dass sich aus fast allem noch etwas machen lässt.

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Fiona Sevenheck verkauft Handgemachtes aus Dingen, die andere sonst wegwerfen.

Ulf Dahl

Im besten Fall sogar dekorative Unikate wie bei Upcycling-Künstlerin Fiona Sevenheck. Ihre Botschaft: „Alle sagen, die Kieler Woche ist das größte Segelereignis der Welt. Es kann nicht sein, dass wir hier nur essen und trinken.“ Der reine Konsum habe sie als Kind schon abgeschreckt. Und so fing sie an, „aus alles, was man noch benutzen kann, etwas zu schaffen, was die Welt ein bisschen bunter zu machen“. Diverse Materialen kommen dafür in Frage – vielleicht auch ein Ansatz für das Volksfest.

Tatsachen am Boden Ein Knackpunkt bleibt in der Bilanz

Auf der einen Seite sollen sich Standorte, Einzelstände und deren Angebot an Speisen und Getränken weiter in eine umweltfreundlichere Richtung entwickeln; auf der anderen bringen die Besucher auch eigene Verpflegung mit, um sie auf dem Fest zu verzehren. Glas, Dosen, Plastik und Zigarettenstummel landen während und nach der Feierei dort, wo die Menschen in Massen stehen und trinken: auf dem Boden. Diese Müllmenge ist in diesem Jahr größer geworden.

Eine Lösung dafür steht auch für Philipp Dornberger noch in den Sternen.

Da kann ich wenig gegensteuern. Philipp Dornberger

Einlasskontrollen kommen für ihn aber nicht in Frage: „Ich glaube, dass man in vielen Bereichen eher etwas mit Aufklärung und Sensibilisierung erreichen kann als mit Verboten und Kontrollen.  Die Kieler Woche soll offen sein.“

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