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Möltenorter Haustürgeschichten

Der Charme eines ehemaligen Fischerdorfes haftet dem Heikendorfer Ortsteil Möltenort noch immer an. Touristen und Heikendorfer zieht es in das ehemals eigenständige Dorf, das seine Selbstständigkeit verlor, weil es sich durch den Bau seines Hafens überschuldete. Der heutige Ortsteil, der vor allem nach außen die Visitenkarte der Gemeinde ist, hat sich verändert. Die Grundstückspreise steigen, es wird lebhaft über moderne Architektur debattiert und manchmal alten Zeiten nachgetrauert. Wie die Möltenorter selbst ihren Ortsteil früher und heute sehen, erzählen einige von ihnen.

Die Erinnerungen

Wenn einige Möltenorter zusammensitzen, dauert es nicht lange und das Gespräch kommt auf die Kindheit. „Die normalen Wege haben wir fast nie genutzt. Wir haben uns immer durch die Gärten der Nachbarn hindurch besucht“, erinnert sich Elisabeth Scharafat. „Wir halten hier ganz engen Kontakt zueinander“, sagt sie.

Zum Möltenorter Wir-Gefühl gehört auch die Abgrenzung zu Heikendorf. „Heikendorf war immer weit weg“, sagt Scharafat. „Dorthin wurde auch nicht geheiratet“, ergänzt Hedda Richter, die zwar in Heikendorf lebte, ihre Kindheits-Sommer aber bei der Tante in Möltenort verbrachte.

Geprägt hat die heutigen Ur-Möltenorter der Krieg und dessen Folgen. 1945 kamen die Flüchtlingsfischer nach Möltenort. Fischerfamilien aus Ostpreußen, die meisten aus Pillau, die vor den anrückenden Russen flohen. Bald zählte Möltenort 82 Fischereibetriebe, davon nur zehn einheimische. „Die Kinder waren vor der Flucht kaum in der Schule gewesen“, erinnert sich Scharafat und erzählt von einem Jungen, dem die Lehrerin den gesamten fehlerhaften Text im Heft durchstrich. „Aber er konnte toll zeichnen. Wir haben dann seine Schularbeiten gemacht und er hat uns dafür Kutter gezeichnet. Später wurde er Kapitän in der Fördeschifffahrt.“

Scharafat erlebte aber auch, dass die Möltenorter Gemeinschaft nicht jeden sofort aufnahm. Als sie einen der ersten Kieler Austauschstudenten, einen Iraner, heiraten wollte, schlug dem Paar Fremdenfeindlichkeit entgegen. „Er wurde anfangs als Kameltreiber und Mädchenhändler beschimpft“, erinnert sich Scharafat. Für einen Stimmungsumschwung sorgte der Möltenorter Arzt Dr. Giesecke. Nachdem er ihren zukünftigen Mann kennengelernt hatte und seinen Segen für die Verbindung gegeben hatte, schloss sich der Großteil der Möltenorter der Meinung des geschätzten Arztes an.

„Vielleicht rührt unser Gemeinschaftsgefühl noch aus den Tagen, in denen man ständig im Netzgarten stand und klönte“, sagt Ulrike Schulz, wenn es darum geht, wo das Möltenorter Wir-Gefühl seinen Ursprung hat.

Der Netzgarten ist längst Geschichte. „Das Familiengefühl gibt es aber immer noch“, sagt Elisabeth Scharafat. „Auch wenn in den letzten Jahren viele Neue hergezogen sind.“

Die Geschichte

Die letzten Fischer

Von Nadine Schättler

Für Fischer Björn Fischer (50, Foto) bedeutet der Möltenorter Hafen Heimat und die Verbindung zur Familie. Wenn er länger auf See unterwegs ist, wartet seine Frau dort auf ihn. Als seine Kinder noch klein waren, liefen auch sie aufgeregt auf der Mole hin und her. Heute studiert die Tochter Musikwissenschaften und der Sohn erkundet nach dem Abitur Australien. Aber kürzlich bekam Björn Fischer Post: ein Bewerbungsschreiben aus Australien. „Mein Sohn möchte bei mir in die Lehre gehen“, erzählt er als einer von zwei verbliebenen Haupterwerbsfischern. Trotz aller Herausforderungen in der Fischerei liebt Björn Fischer seinen Beruf. Und den Möltenorter Hafen.

Es ist ein ganz besonders heißer Tag an der Ostsee. Der Kutter „SK 14“, ein Oldie von 1981, schaukelt sanft an seinem Liegeplatz an der Kaikante. An Deck wird frischer Dorsch verkauft. Der Hafenvorplatz ist mit Netzen ausgelegt, die soeben repariert wurden. Im Steuerhaus von Björn Fischer ist es heiß und stickig. Nur an einer kleinen Luke lässt sich das Fenster ein wenig runterschieben. „Auf See ist es bei kühleren Temperaturen angenehmer“, sagt er. Häufig ist er mit seinem Matrosen über viele Stunden am Stück unterwegs, die er auch bei höheren Temperaturen im Steuerhaus verbringt.

Doch an die Arbeitsumstände an Bord hat sich Björn Fischer längst gewöhnt. Auch an viele andere Dinge, die die Fischerei nicht gerade einfach machen. Doch die Infrastruktur des Möltenorter Hafens beschäftigt ihn. „Wir bräuchten hier unten dringend ein Kühlhaus, damit wir unseren Fisch nicht erst auf den Lastwagen umladen und ins Gewerbegebiet hochfahren müssen. Das kostet viel Zeit“, sagt er.

Wenn er morgens um 3 Uhr mit seinem Kutter ausgelaufen ist und erst abends spät wieder zurückkehrt, dann sehnt er oft den Feierabend herbei. Das Löschen der Fische dauert. Und macht Lärm, den die Anwohner nicht immer dulden.

So verfolgt Björn Fischer die baulichen Veränderungen in Möltenort mit Sorge. „Das waren alles mal Häuser von Fischern. Aber die Preise, die hier heute gezahlt werden, kann sich kein Fischer mehr leisten.“

Die Neu-Möltenorter hätten wenig Bezug zur Fischerei, meint der Heikendorfer. So kam es, dass der alte Räucherofen seines Cousins Conny Fischer eingedampft werden musste. „Eine neue Filteranlage hätte den Rahmen gesprengt.“

Trotz aller Veränderungen liebt Björn Fischer seinen Hafen. „Möltenort war einmal einer der wichtigsten Fischereihäfen an der Ostsee.“ Als Kind hat er dort seine Tage verbracht und in einem kleinen Ruderboot mit Aalreusen und Buttnetzen gefischt, um sein Taschengeld aufzubessern. 

„Damals waren die Brücken von vorne bis hinten voll mit Netzen und Krams. Das sah noch richtig nach Fischerei aus“, erinnert sich der Fischer. Auch eine kleine Werft habe es gegeben, dort, wo heute der Hafenmeister sein Gebäude hat.

Unverändert schön ist für ihn der Anblick des Hafens mit seinem höher gelegenen Hinterland geblieben. „Heikendorf hat einen richtig lauschigen und besonderen Hafen“, meint er. Damit nicht nur die Immobilienhaie davon profitieren, wünscht sich Björn Fischer mehr Investitionen in die Tradition. „Die Fischerei wird in Heikendorf sehr stiefmütterlich behandelt. Der Fischereihafen sollte einen ganz anderen Stellenwert haben, auch im Hinblick auf den Tourismus.“

Die Häuser

Von Nadine Schättler

Am Strandweg in Möltenort reihen sich große Neubauten und historische Häuschen aneinander. Schräg gegenüber vom Café Fährhuus wohnen Gudrun (67) und Rolf (69) Golldack mit unverbautem Blick auf die Förde. In ihrem 250 Jahre alten Haus, das sie gerade erst mit viel Aufwand saniert haben (siehe Bilder oben), lagerten bis in die 1960er-Jahre hinein Schokoriegel und Lutscher, Bier- und Schnapsflaschen. Denn dort gab es mal einen Kolonialwarenladen, in dem die Heikendorfer und Arbeiter vom Marinearsenal einkaufen konnten.

Es waren Rolf Golldacks Großeltern, die den Laden in direkter Nähe zum Hafen betrieben. Vater Alfred strandete als ostpreußischer Fischer mit einem Minensuchboot in Möltenort und marschierte umgehend in den Laden, wo ihn zwei Mädchen hinter dem Tresen bedienten. In eine von beiden, Golldacks Mutter Ursula, verliebte sich der Neuankömmling und heiratete sie später.

„Damals florierte die Fischerei in Heikendorf“, erinnern sich Gudrun und Rolf an die Erzählungen ihrer Eltern aus den Jahren nach dem Krieg. Es war eine ganz besondere Zeit für Möltenort, wo es noch einen eigenen Bäcker, ein Fischgeschäft, einen Milchladen und eine Kneipe gegeben hat. „Es war die Zeit, als die Lachsfischer sich ihre Zigarette mit 50-Mark-Scheinen anzündeten“, erzählt Rolf Golldack von den Legenden des Ortes.

Bei seinen Großeltern gab es damals hinter dem Tresen für alle durstigen Besucher ein ganz besonderes Getränk, das sich aufgrund seiner Farbe Blutgeschwür nannte: Eierlikör mit Kirschwasser. Ansonsten lebte man bescheiden und zurückgezogen, denn das Leben der Fischer und Kaufleute in Möltenort war hart.

Der Kolonialwarenladen hatte auch gut zahlende Kundschaft aus dem noblen Kitzeberg, wohin sich die Bewohner ihre Lebensmittel liefern ließen. „Für die Möltenorter war Kitzeberg wie Ausland. Ein Kitzeberger Kind hätte niemals mit einem Möltenorter gespielt“, erzählen Gudrun und Rolf Golldack, die viel in den alten Fotoalben der Großeltern stöberten und sich die Geschichten anhörten.

Gudrun Golldack hat als gebürtige Laboerin sogar einen Stammbaum der Familie ihres Mannes erstellt, der bis ins Jahr 1658 zurückreicht. „Die Möltenorter waren immer sehr eigenbrötlerisch. Das ist ein Menschenschlag für sich gewesen“, sagt Gudrun Golldack, die nach dem Möltenorter Jargon wegen ihrer Herkunft eine „Dösige“ und keine „Hiesige“ ist. Viel Kundschaft hatte der Laden von Rolf Golldacks Großeltern auch durch die Arbeiter der Lindenau-Werft in Kiel-Friedrichsort, von denen einige die Fähre in Möltenort nutzten. „Wenn die ihre Lohntüten bekamen, standen die Frauen schon am Hafen, damit die Männer das Geld nicht in die Kneipe schleppten.“

Gudrun und Rolf Golldack heirateten 1972 und zogen zusammen zu den Schwiegereltern in das Haus, das mal ein Geschäft gewesen war. Mit viel Aufwand haben sie es kürzlich renoviert und verfolgen die baulichen Veränderungen in Möltenort kritisch. „Wir hätten auch verkaufen können. Uns wurden horrende Summen für unser Grundstück geboten, aber wir wollten das historische Haus und den besonderen Flair von Möltenort erhalten.“

Die neuen Häuser am Hafen sind für die Golldacks „etwas zu groß geraten“ und größtenteils von Menschen bewohnt, die sie nicht kennen. „Die meisten grüßen nicht mal.“ Doch verstehen können sie die Neubürger auch: Sie müssen sich nicht mit endlosen Sanierungen herumschlagen und genießen einen tollen Blick. „So gesehen könnte ich sofort in eines der neuen Häuser einziehen“, meint Rolf Golldack.

Die Debatte

Von Merle Schaack

Längst sind die Fischerhütten in Möltenort modernen Gebäuden gewichen. Einzig das Reetdachhaus Roehrskroog lässt noch erahnen, wie der Ortsteil einst ausgesehen hat. Längst haben Investoren Möltenort für sich entdeckt. Wer dort ein Grundstück verkauft, kann viel Geld machen.

Doch die Anwohner wehren sich gegen Pläne, die vorsehen, weitere Mehrfamilienhäuser in modernem, kantigen Stil – wie hier im Hintergrund des Bildes – zu errichten. Um ihrem Unmut über die – wie sie es nennen – Verklotzung Luft zu machen, zogen sie bis vors Innenministerium, schalteten Kreis und Gemeinde ein.

Dabei spielen aber nicht nur ästhetische Vorstellungen eine Rolle. Auch haben die Anwohner in Möltenort mit einem hohen Grundwasserpegel und feuchten Gärten und Kellern zu kämpfen. Werden weitere Flächen versiegelt, so befürchten sie, werde sich das Problem verschärfen.

Inzwischen hat auch Politik reagiert. Mehrere Bauvoranfragen im sensiblen Gebiet wurden abgelehnt. Zuletzt wurde ein Baustopp verhängt, bis in einem Bebauungsplan für das Gebiet verbindlich geregelt ist, in welcher Größe und Form Neubauten entstehen dürfen.

Klaus Dahmke (v.li.), Andrea Cederquist und Ulrike Schulz sind drei der Möltenorter, denen „Verklotzung“ ein Dorn im Auge ist.

Der Tourismus

Von Merle Schaack

Spätestens im Sommer 2018, als die neue Strandpromenade in Möltenort festlich eingeweiht wurde, war klar: Heikendorf meint es ernst mit dem Tourismus. 1,3 Millionen Euro investierte die Gemeinde in die Flaniermeile. Und nachdem zuerst viel um ihre Dimensionen gerungen worden war, waren sich schließlich (fast) alle einig: „Was lange währt, wird endlich gut.“

Auch die von Jahr zu Jahr steigenden Übernachtungszahlen in der Gemeinde zeigen, dass der kleine Strandabschnitt in Möltenort als Anziehungspunkt für Tagesgäste aus Kiel, aber auch internationale Gäste taugt. 32.000 Übernachtungen zählte Heikendorf im Jahr 2017. 2018 waren es schon im Juli 18.500.

„Egal, wo auf der Welt man im Hafen liegt. Wenn man sagt, man kommt aus Möltenort, antworten Kanadier oder Briten: Ah, that’s where the eagle is“, erzählt Peter Merkentrup in Anspielung auf das U-Boot-Ehrenmal. Der 79-Jährige ist in Heikendorf zur Schule gegangen und hat als passionierter Angler früh seine Liebe zu Möltenort entdeckt. Dennoch verschlug es ihn gemeinsam mit Ehefrau Eddi für 32 Jahre nach Kanada. Er baute ein auf Nordamerika spezialisiertes Reiseunternehmen auf, das heute von Sohn Michael geführt wird. Als Experte für Tourismus beriet Merkentrup auch die Kanadische Regierung.

Fragt man ihn nach seinen Ratschlägen für Möltenort, zeigt er sofort auf den Hafen, den er aus seiner Wohnung am Strandweg sehen kann. „Darauf muss die Gemeinde setzen. Hier kann man Einnahmen generieren.“ Erste Pläne liegen in der Schublade von Gemeindewerke-Geschäftsführer Tim Lüdemann. „Gemütlich muss es sein, rustikal, nicht zu modern“, sagt Merkentrup. Und dann bricht der Möltenorter Sturkopf in ihm durch. „Ich finde, die Gemeinde schmückt sich und ihr Image zu sehr mit unserem Ortsteil. Was ihn ausmacht, wird ständig auf Heikendorf umgeschrieben. Aber Möltenort ist und bleibt Möltenort.“

Mit Fotos von Ulf Dahl, Frank Peter, Nadine Schättler, Björn Schaller und Merle Schaack

Schwentinental: Die jüngste Stadt im Land wird zehn

Es war viel von Zwangsehe die Rede, als die Gemeinden Klausdorf und Raisdorf sich am 1. März 2008 zur Stadt Schwentinental zusammenschlossen. Eine Fusion, die nicht ganz freiwillig geschah. Und deren Eile teils kuriose Geschichten schrieb. Der zehnte Stadtgeburtstag wird groß gefeiert. Wie ging es den Schwentinentalern damals, wie geht es ihnen heute? Momentaufnahmen.

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